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Leseprobe Wanderer in Schattenwelten

 

 

Sieben ziehen um die Welt

 

Da waren einmal sieben, die wollten in die Welt hinaus ziehen. Weil sie sich aber nicht über die Richtung einigen konnten, trennten sie sich: Drei zogen nach links, vier nach rechts. Und was geschah, als sie nach langer Reise wieder zusammentrafen? O Schreck! Da waren die einen so groß wie Riesen, die anderen waren klein wie Zwerge. Auch sonst hatten sie sich verändert. Die einen redeten mit lauten Stimmen wie die Brüllochsen in der weiten Steppe, die anderen piepsten leise wie die Mäuse oben im Kirchendach. Und auch ihre Sprache hatte sich verwandelt, so dass sie sich ganz und gar nicht mehr miteinander verständigen konnten. Eine Geschichte sollte ich ihnen erzählen, meinten sie, als sie am Abend an den Lagerfeuern hockten, vor ihren Zelten. Die Riesen am mächtig großen Feuer, in dem ganze Baumstämme verschwanden, die Zwerge an der kleinen, kümmerlichen Flamme, die kaum meine Fußsohlen wärmte. Eine Geschichte sollte ich ihnen erzählen, so wünschten sie, von meinen Fahrten durch die Welt. Das war nun leichter gesagt als getan, denn die Vorstellung der Riesen unterschied sich durchaus von der Vorstellung der Zwerge. Wenn ich zum Beispiel von der Besteigung eines Berges sprach, musste ich den einen erzählen, dass ich einen kleinen Hügel hinaufspaziert wäre. Den anderen aber schilderte ich, wie mächtig und steil das Gebirge war, das ich zu überwinden hatte. Beschrieb ich einen Fluss, so war es für die einen nur ein kleines Rinnsal, für die anderen aber ein breiter Strom, dessen anderes Ufer man im Dunst kaum erkennen konnte. Und meine spektakuläre Begegnung mit dem Drachen – die Riesen lachten nur über die winzige Eidechse, der ich zitternd gegenüber stand, während die Zwerge meinen Heldenmut vor dem gewaltigen, feuerspeienden Lindwurm bewunderten.

So erzählte ich also einmal hier, einmal dort. Am Feuer der Riesen laut brüllend wie ein Ochse, am Feuerchen der Zwerge leise piepsend wie eine Kirchenmaus. Es war immer die gleiche Geschichte, und doch war sie jeweils verschieden. Und ich kam beim ständigen Hin- und Herspringen gehörig ins Schwitzen.

Am nächsten Morgen beschlossen die Sieben, weiter zu ziehen. Denn wenn man in entgegengesetzte Richtungen um die Welt reist, trifft man sich auf halbem Weg auf der anderen Seite der Erde. Und auf den Tag genau ein Jahr später wollten sie sich wieder treffen. Da bin ich aber gespannt, wie sie sich verändert haben. Sind die Riesen noch größer und die Zwerge noch kleiner geworden? Oder haben sich gar die Riesen in Zwerge und die Zwerge in Riesen gewandelt? Oder sind die Riesen immer noch Riesen und die Zwerge immer noch Zwerge, und es hat sich gar nichts verändert? Oder sind sie ganz etwas anderes, Unerwartetes geworden, das niemand erahnen und vorhersehen kann?

Aktuelles

Lesungen

 

Samstag, 04.November,16 Uhr im Altstadtatelier Landsberg, Ledergasse 367: Geschichten ohne Netz und doppelten Boden (mit den Landsberger Dachkammersängern).

 

Freitag,10.November, 19.30 Uhr im Cafe Filmbühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Buchvorstellung "Mein Hut, mein Onkel und ich".

 

Freitag,17.November,10 Uhr in der Platanenschule Landsberg: Kindergeschichten (intern).

 

Freitag, 24.November, 19.30 Uhr im Cafe FilmBühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Freie Lesung. 

 

Marionettentheater

"Der Weg nach Betlehem", ein Krippenspiel in bairischer Mundart. Im TaG-Theater Kaufering

Samstag, 25. November, Sonntag, 26.November, Samstag, 02.Dezember, Sonntag, 03.Dezember, jeweils 15.30 und 18 Uhr.

Näheres siehe www.amschnuerl.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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