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Eine abenteuerliche Bahnfahrt

 

„Hier ist der Korb mit Ameiseneiern“, sagte die Mutter. „Die bringst du zu deiner Tante am Teichufer. Und benimm dich anständig! Und lehne dich nicht aus dem Fenster! Und putze dir die Nase! Und sei höflich zu deinen Mitreisenden! Und spucke nicht auf den Fußboden!“

„Ja ja, ist schon gut!“, brummte Willi, der Spitzmausjunge, nahm Korb und Fahrschein und wartete auf die Schneckenbahn. Da kam sie auch schon. Vorne sechs Rennschnecken in vollem Galopp. Dann der Kutscher auf dem Kutschbock (ein Goldlaufkäfer, prächtig anzusehen), schließlich die grünlackierten Wagen. Willi drängte sich auf einen freien Sitzplatz. Im Abteil war bereits ein buntes Völkchen versammelt. Neben ihm saß ein Goldhähnchen. Es hatte einen Flügel verstaucht und wollte zur Klinik am Weiher. Gegenüber hockte ein Igel, der Pfeife rauchte. Daneben, in gebührendem Abstand, zwei Salamander. Und schließlich noch allerlei Kleinzeug, Käfer, Spinnen und Ameisen. Als alle Passagiere eingestiegen waren, knallte der Kutscher mit der Peitsche, die Rennschnecken legten sich in die Riemen, und hurrehopp und ratata ging es los. Willi hatte kaum mehr Zeit, seiner Mutter einen Abschiedsgruß aus dem Fenster zuzuwerfen.

„Ich fahre zum ersten Mal mit der Bahn“, sagte das Goldhähnchen und schaute sich ängstlich um. „Normalerweise fliege ich. Das ist sicherer. Eine Bahnfahrt soll ja ziemlich gefährlich sein, sagt man.“

„Gefährlich und aufregend!“, grunzte der Igel und stieß eine dichte Wolke beißenden Qualms aus, dass man eine Weile niemanden mehr erkennen konnte. Nur das allgemeine Husten und Räuspern verriet, wo die Reisenden saßen. „Ich benütze regelmäßig die Bahn“, fuhr der Igel ungerührt fort. „Das ist die einzige Gelegenheit, wo man heutzutage noch wirkliche Abenteuer erleben kann.“

„Abenteuer erleben?“, krächzte ein Mistkäfer erschrocken.

„Wenn man Glück hat“, sagte der Igel. „Aber ich ahne es schon – unsere heutige Fahrt wird  ausgesprochen langweilig werden.“

Da sollte er sich getäuscht haben! Auf der Wiese gab es den ersten Halt. Hier wuchs eine Menge saftiger Sauerampferpflanzen. Und die sind bekanntlich die Leibspeise der Rennschnecken. Kaum hatten die Zugtiere die Leckerbissen entdeckt, entledigten sie sich ihrer Zügel und rasten in die Wiese hinein, um sich an dem Kraut gütlich zu tun. Es dauerte eine Weile, bis der Kutscher und einige beherzte Passagiere die Zugtiere eingefangen und wieder angeschirrt hatten.

Am Feldrain wurden zwölf riesige Getreidesäcke abgeladen. Winterfutter für den fetten Hamster. Und dann ging es lustig weiter. Rattata rattata rattata rollten die Räder auf dem Weg zwischen den hohen Maispflanzen dahin. Der dicke Mistkäfer in der Ecke begann tatsächlich ein altes Soldatenlied zu singen, und das Goldhähnchen trällerte trotz seiner Schmerzen ein wenig mit. Die Passagiere waren fröhlich und in ausgelassener Stimmung, vor allem, weil der stinkende Igel beim letzten Halt das Abteil verlassen hatte. Übrigens keineswegs freiwillig, das muss an dieser Stelle gesagt sein. Er wollte sich über eine Blindschleiche hermachen (Blindschleichen gelten in Igelkreisen als Delikatesse), und nur das beherzte Eingreifen des Schaffners rettete der armen Schleiche das Leben. Kurz und gut, der Igel wurde des Zuges verwiesen.

 „Uns hätte das nicht passieren können,“ sagte der Salamanderjüngling beruhigend zu seiner gelbschwarz gestreiften Freundin. „Wir sind nämlich giftig!“

Mit einstündiger Verspätung kam man am Waldrand an. Hier hatte eine Musikkapelle Aufstellung genommen. Die Musiker konnten es kaum mehr erwarten. Schon hob der Dirigent den Taktstock, da legten sie los. Die Grillen geigten, die Hummeln summten, die Fliegen sirrten, die Heuschrecken fiedelten. Dazu trommelte ein Specht den Rhythmus hoch oben im Baum. Und ein paar Frösche quakten so laut, dass man sich die Ohren zuhalten musste. Und warum das alles?

„Ein Service der Schneckenbahn“, rief der Kutscher. „Bitte alles aussteigen! Die Vorführung beginnt.“

Neugierig kletterten die Passagiere aus den Wagen und nahmen auf den bereitgestellten Holzbänken Platz. Es gab eine Modenschau. Sie war vom nahegelegenen Wald-und-Wiesen-Warenhaus gesponsert. Da wurden Walkingschuhe für Laufkäfer vorgeführt, Brillen für Blindschleichen, Rettungsringe für Kaulquappen, Pullover für Gelbbauchunken, Trainingsanzüge für Wanderratten und Dessous für Nacktschnecken. Einige hübsche Eidechsenmädchen brachten fesche Strandkleider auf den Laufsteg. Zum Schluss klatschten alle Zuschauer, und das Salamanderfräulein kaufte einen verwegenen Bikini.

Weiter ging die Fahrt, hinein in den Wald. Ratternd ging es über Wurzeln und Steine. Hier standen die Bäume dicht an dicht. Manche Äste wuchsen so dicht in den Weg herein, dass sie mit hässlichem Kratzen über die Dächer der Wagen streiften. Es wurde dunkler und dunkler, direkt unheimlich. Willi hatte sich tief in seine Ecke verkrochen, und das Goldhähnchen jammerte leise vor sich hin, weil ihm der verstauchte Flügel wehtat.

„Freiwillig würden mich keine zehn Pferde in diesen finsteren Wald bringen“, sagte ein junges Kaninchen, das kurz vorher zugestiegen war, und seine Zähne klapperten hörbar.

 

Und dann geschah es! Getöse und Geschrei, Schimpfworte und Säbelrasseln. Die sechs Rennschnecken bäumten sich wiehernd auf, knirschend kam der Zug zum Stehen. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Wagen wären umgestürzt. Draußen stand der Wilde Krempling mit seinen Räubergesellen. „Dies ist ein Überfall!“, brüllte er mit lauter Stimme, dass es allen durch Mark und Bein fuhr. „Aussteigen! Wertsachen auf einen Haufen legen. Wer nicht gehorcht, wird umgebracht!“

War das eine Aufregung! Das Salamanderfräulein sank ohnmächtig in die Arme ihres Begleiters, das Goldhähnchen flatterte jammernd und ächzend im Abteil hin und her, der Mistkäfer fiel in Schreckstarre. Die übrigen Passagiere kletterten, vom Wilden Krempling und seinen Spießgesellen mit wüsten Schimpfworten bedacht, zitternd nach draußen.

„O  weh!“, seufzte Willi und dachte an seinen Korb. „Die Ameiseneier sind ein gefundenes Fressen für dieses Gesindel. Jetzt war die ganze Fahrt umsonst. Was wird nur die Tante dazu sagen?!“

Aber Unverhofft kommt oft, und wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. In einem der hinteren Wagen saß ein alter, runzliger Wichtelmann, der ein wenig zaubern konnte. Der bannte die Räuberbande auf den Fleck, dass sie sich nicht mehr rührte. Da standen sie nun, der Wilde Krempling,  der Giftige Reizker, der Buntscheckige Bitterling und alle die anderen, eingefroren wie Eiszapfen, und machten böse Gesichter. Aber die Reisenden hatten gar keine Angst mehr vor ihnen und lachten sie aus, und das junge, fürwitzige Kaninchen zupfte sie sogar der Reihe nach an den ausgefransten Bärten.

Die Passagiere stiegen wieder ein, und die Fahrt wurde fortgesetzt. Ohne weitere Unterbrechung ging es bis zum Waldweiher. Dort war Endstation. „Alles aussteigen!“, rief der Schaffner. Da kletterten sie alle aus den Wagen: Der Mistkäfer und das Kaninchen, die Eidechse und die Blindschleiche, der Wichtelmann und die Gelbbauchunke, die Spinnen und die Käfer. Das Goldhähnchen machte sich auf den Weg zur Tierklinik, die Frösche und Unken hüpften spornstreichs in das aufplatschende Wasser des schlammigen Teiches, und die beiden Salamander wandten sich engumschlungen dem Waldrand zu. Auch Willi hatte seinen Korb gefasst und kletterte nach draußen. Schon von weitem sah er sie stehen, die Tante mit ihren sieben Kindern ( seinen Cousins und Cousinen). War das eine freudige Begrüßung, ein Hallo und ein Fragen und Rufen und Plappern und Nasereiben (das ist bei Spitzmäusen so üblich). „Danke für die schönen Ameiseneier! Das gibt ein wunderbares Festmahl!“ „Ach, wie bist du groß geworden!“ „Wie geht es deiner Mutter?“ „Hattest du eine angenehme Reise?“ „Ist dir auch nicht schlecht geworden?“ So wurde durcheinander gefragt und geplappert. Und erst nach einiger Zeit kam Willi dazu, auf die vielen Fragen zu antworten. Was er wohl alles erzählt  hat?

 

(Und die Räuber! Was ist mit den Räubern geschehen? Stehen sie noch immer im Wald und können sich nicht rühren? Ich weiß es nicht. Da mußt du wohl selber einmal hinausgehen und dich umschauen.) 

Aktuelles

Lesungen

 

Samstag, 04.November,16 Uhr im Altstadtatelier Landsberg, Ledergasse 367: Geschichten ohne Netz und doppelten Boden (mit den Landsberger Dachkammersängern).

 

Freitag,10.November, 19.30 Uhr im Cafe Filmbühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Buchvorstellung "Mein Hut, mein Onkel und ich".

 

Freitag,17.November,10 Uhr in der Platanenschule Landsberg: Kindergeschichten (intern).

 

Freitag, 24.November, 19.30 Uhr im Cafe FilmBühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Freie Lesung. 

 

Marionettentheater

"Der Weg nach Betlehem", ein Krippenspiel in bairischer Mundart. Im TaG-Theater Kaufering

Samstag, 25. November, Sonntag, 26.November, Samstag, 02.Dezember, Sonntag, 03.Dezember, jeweils 15.30 und 18 Uhr.

Näheres siehe www.amschnuerl.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© Helmut Glatz