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König Kugelrund und die Fee der Nacht

 

Es war einmal ein Land, in dem jeder Ast am Baum seine Freiheit hatte und jedes Blatt seinen Raum rundum (und doch dienten sie alle dem selben Baum), in dem die weißen Schlösser sich am Morgen in die Luft erhoben und mit den Wolken über die Berge segelten, und in dem die zwiebelförmigen Kirchturmspitzen des Nachts aufblühten und zu duften begannen.

In diesem Land regierte der König Kugelrund. Er war ein glücklicher König. Des Tags wandelte er unter dem frischen Grün der Bäume, lauschte dem Gesang der Vögel und betrachtete die Luftschlösser am Himmel, in den Nächten atmete er den Duft der Zwiebeltürme und hörte verliebt den Gesang der Nachtfee, den nur Kugelrund- und Gurkenkönige vernehmen können.

Alle Bewohner des Landes wären glücklich und zufrieden gewesen, wenn es da die böse Spitzenklöpplerin nicht gegeben hätte. Sie hockte in ihrer schiefen Schilfhütte am Fluss und klöppelte Spitzen für Behörden und Ämter, für Ministerien und Regierungen, für den Kulturbetrieb und die Tourismusbranche. Und diese Spitzen quälten und piesackten den König, stachen ihn in seinen kugelrunden Bauch und vertrieben ihn schließlich aus dem Land. Und jetzt fängt die Geschichte richtig an.

Traurig wanderte König Kugelrund in die Welt hinein. Da kam er in einen großen Wald. Begegnete ihm das Wildschwein.

„Du riechst aber nicht wie eine Kartoffel“, sagte es, nachdem es eine Weile an ihm geschnuppert hatte. „Kann man dich überhaupt essen?“

„Natürlich nicht!“, entrüstete sich der König. „Ich bin ein König.“

„Ein Kartoffelkönig?“, erkundigte sich das Wildschwein interessiert.

„Ich bin König Kugelrund. Das heißt, ich war es. Jetzt bin ich arbeitslos und ziehe durch die Welt. Mit Kartoffeln habe ich nichts am Hut, will sagen, auf der Krone.“

„Das habe ich mir gleich gedacht“, grunzte das Wildschwein. „Du riechst einfach anders. Nicht kartoffelig, sondern eher kugelig. Nicht sehr einladend, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, sondern eher abstoßend.“ Und dann lief das Wildschwein davon.

Kam die Maus.

„Aua!“, schrie König Kugelrund, als sie an seinem kugelrunden Bauch zu knabbern begann.

„Wie ein Pfannkuchen schmeckst du aber nicht“, sagte die Maus.

„Ich bin kein Pfannkuchenkönig und kein Kartoffelkönig“, sagte König Kugelrund. „Mich kann man nicht essen.“

Da verzog die Maus ihr Schnäuzchen zu einer beleidigten Schnute und huschte davon, hinunter in ihr unterirdisches Mäusereich.

Kam die Meise aus den Zweigen herbeigeflattert. „Piep, piep!“, piepste sie. „So fett und rund. Sicher bist du ein Meisenknödel. Lass dich einmal probieren!“

Da aber hüpfte der König vor Wut auf und ab wie ein Gummiball. „Ich bin kein Kartoffelkönig, ich bin kein Pfannkuchen, und ich bin kein Meisenknödel!“, schimpfte er und hastete in so wütenden Sprüngen davon, dass die Meise erschrocken in das Jungholz flüchtete.

König Kugelrund aber rollte weiter, und der Wald wurde dichter und dichter. Und dort, wo er am dunkelsten und dichtesten war, wo die flüsternden Quellen entsprangen und wo es in den Ästen so geheimnisvoll rauschte und brauste, da begegnete er einem uralten Mann. Das war Bombardil, der König des Waldes. Er saß auf dem halbverrotteten Wurzelstock einer tausendjährigen Eiche und strich sich den langen, moosgrünen Bart.

„Arbeitslos bist du?“, brummte er, denn er konnte Gedanken lesen. „Wir haben hier nur eine einzige Planstelle für einen König.“ Bombardil schüttelte bedauernd sein eisgraues Haupt mit den silbernen Flechtenhaaren. „Aber die ist leider schon besetzt.“

„Wie schade!“, sagte König Kugelrund traurig. „Und einen Ersatzkönig könnt ihr nicht gebrauchen?“

„Wo denkst du hin!“ Bombardil war ganz aufgebracht. „Bei der heutigen Geldknappheit! Ich muss froh sein, dass man mich noch nicht wegrationalisiert hat. Die Forstverwaltung wird nämlich radikal verschlankt.“ So rief Bombardil und schüttelte heftig den Kopf, dass die silbernen Flechtenhaare hin und her wehten, als wäre der Sturmwind in sie hineingefahren.

König Kugelrund wandte sich enttäuscht um, da fiel dem Eisgrauen noch etwas ein. „Probiere es doch einmal beim Arbeitsamt!“, sagte er. „Die sind schließlich dazu da, um Arbeitsstellen zu vermitteln.“

Der Berufsberater beim Arbeitsamt schaute König Kugelrund über sein Brillengestell hinweg aus zwei blassblauen Augen traurig an. „Was Sie da berichten, klingt ja nicht schlecht“, sagte er. „Eine qualifizierte Ausbildung zum König mit ...naja...ganz ordentlichen Abschlussnoten, und eine mehrjährige Praxis im Regieren. Wir wollen einmal sehen...“

Er rückte sich die Brille zurecht, streifte die Ärmelschoner hoch und kroch in den Computer hinein. Es surrte, brummte, knurrte, ratterte, quietschte und piepste in dem Kasten, während König Kugelrund die gerahmten Kalenderbilder an den Wänden betrachtete. Das Bremer Rathaus mit dem Roland, Schloss Neuschwanstein im Nebel, eine Windmühle in der Fränkischen Schweiz und den Nürnberger Christkindlmarkt. Als er seinen Blick gerade über das Zugspitzplatt im Frühsommerkleid gleiten ließ, kam der Berufsberater wieder ans Tageslicht.

„Ich war im Zentralcomputer in Nürnberg“, sagte er und strich sich die verschwitzten Haare aus der Stirn. „Leider wird nirgendwo ein König gesucht. Wissen Sie, die Monarchie ist nicht mehr ganz zeitgemäß. Unmodern. Veraltet. Sie sind doch flexibel?“

„Ich? Flexibel?“, stotterte König Kugelrund und dachte, er wusste selbst nicht warum, an die heiteren Spaziergänge im Schlosspark, an die nächtlich duftenden Kirchturmspitzen und an den zauberhaften Gesang der Nachtfee.

„Und teamfähig. Und anpassungsfähig. Und strapazierfähig.“

„Langsam bin ich zu allem fähig“, sagte der König.

„Und rund sind Sie auch!“ Der Berufsberater starrte über die Brille hinweg auf den Bildschirm, und seine Zeigefinger stießen wie Schnabelhiebe auf das Keyboard hinunter, dass die Tasten heftig zu klappern begannen. „Da hätten wir etwas“, sagte er plötzlich. „Der FC Holzbein sucht einen strapazierfähigen Fussball.“

„Einen Fussball?“ König Kugelrund riss die Augen auf.

„Immer noch besser als arbeitslos und der Fürsorge zur Last fallen“, grunzte der Berufsberater. „Es ist, dieser Verein hat einen Mittelstürmer mit einem so gewaltigen Schuss, dass alle Bälle entweder das Zeitliche segnen oder auf Nimmerwiedersehen in alle Himmelsrichtungen verschwinden.“

„Und Sie meinen, ich soll...“, rief der König erschrocken.

„Sie sind doch rund“, sagte der Berufsberater. „Und flexibel. Und strapazierfähig. Sie kriegen einen anständigen Arbeitsvertrag, und wenn es wehtut, können Sie Schmerzensgeld beantragen.“

So wurde König Kugelrund Aushilfsfussball beim FC Holzbein. Es war eine schreckliche Zeit. Er lief und hüpfte und sprang, was er konnte, aber immer waren stollenbewehrte Füße hinter ihm her, die ihn stießen und traten, dass ihm Hören und Sehen verging. Die einzigen Momente des Glücks waren die Augenblicke, wenn ihn der Torwart an sich drückte. Da fühlte er sich sekundenlang festgehalten, angenommen, sicher und geborgen, aber gleich wurde er wieder hinausbefördert auf das Spielfeld, und die wilde Jagd begann von neuem. Schließlich, beim abendlichen Flutlichtspiel gegen die Spielvereinigung Flasche, geschah es. Mittelstürmer Latte donnerte den königlichen Ball auf das gegnerische Tor, das er, im Fallen die Orientierung verlierend, am nächtlichen Himmel vermutete. Und so flog König Kugelrund hinauf, hinauf...Die Gesichter der Spieler auf dem Spielfeld, die Gestalten der flutlichtbeschienenen Zuschauer, die blassen Gemäuer der Umkleiderkabinen wurden immer kleiner und kleiner, dann war der ganze Fussballplatz nur mehr ein winziger, heller Fleck, bis auch dieser verschwand. Und der König flog und flog. Wolken schwammen an ihm vorbei wie riesige, mattblaue Wale, und dann war nur noch der Himmel, der dunkle Himmel, in dem die Sternpunkte glänzten. Da hörte er ihren Gesang, und dann sah er sie: Die Nachtfee, die nur Kugelrund- und Gurkenkönige sehen können.

„Bleibe hier!“, sagte sie. „Du bist strapazierfähig, flexibel und anpassungsfähig. Und du bist vor allem rund. Wir suchen schon lange nach einem geeigneten Zweitmond.“

Und wie die Nachtfee mit ihrer dunklen, nächtlichen Stimme sprach, und wie ihre Sternenaugen so einladend glänzten, da wurde König Kugelrund so von Liebe ergriffen, dass er zu leuchten begann.

„Und leuchten kannst du auch!“, rief die Fee erfreut. „Was will man mehr!“

So blieb König Kugelrund, der einen unbefristeten Arbeitsvertrag mit Nachtzuschlag erhielt, als Ersatzmond bei der Fee der Nacht. Für den Fall, dass der Erstmond einmal verhindert sein sollte.

 

Aktuelles

Lesungen

 

Samstag, 04.November,16 Uhr im Altstadtatelier Landsberg, Ledergasse 367: Geschichten ohne Netz und doppelten Boden (mit den Landsberger Dachkammersängern).

 

Freitag,10.November, 19.30 Uhr im Cafe Filmbühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Buchvorstellung "Mein Hut, mein Onkel und ich".

 

Freitag,17.November,10 Uhr in der Platanenschule Landsberg: Kindergeschichten (intern).

 

Freitag, 24.November, 19.30 Uhr im Cafe FilmBühne Landsberg, Kolpingstraße. Im Rahmen des Landsberger Autorenkreises: Freie Lesung. 

 

Marionettentheater

"Der Weg nach Betlehem", ein Krippenspiel in bairischer Mundart. Im TaG-Theater Kaufering

Samstag, 25. November, Sonntag, 26.November, Samstag, 02.Dezember, Sonntag, 03.Dezember, jeweils 15.30 und 18 Uhr.

Näheres siehe www.amschnuerl.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© Helmut Glatz